Publikation

Focusing® in Shiatsu - direkte Arbeit mit der Resonanz

In Shiatsu hören wir auf den Körper in Focusing® geben wir dem Körper noch eine Stimme/Bewusstsein

 

Sylvia Glatzer®

 

Seit vielen Jahren arbeite ich mit Shiatsu und Focusing und es ist heute ein fester Bestandteil meiner Arbeit. Focusing kann In unterschiedlichen Praxen, auf Ihre Art und Weise eingebunden und angewendet, ob Psychotherapie, Körperarbeit oder in der Gruppenarbeit.

 

Wie kam ich zu Focusing®

 

Nach einer Shiatsu Behandlung erzählt der Klient oft  wie es war und wie er sich fühlt.

Oft wird man als TherapeutIn gefragt - und was haben sie für einen Eindruck? Oder was

haben sie wahrgenommen? Am Anfang meiner Shiatsu Ausbildung hatte ich immer  erzählt was ich alles wahrgenommen habe, es eventuell bedeuten könnte und was möglicherweise sinnvoll für den Klienten ist. Diese waren meistens hell-begeistert, kriegten Impulse und Ideen. Und gingen dann mit einem guten Gefühl, im Sinne von gesehen und verstanden geworden zu sein -  bis zur nächsten Shiatsu Behandlung.

Bei manchen blieb das so, und manche wurden immer neugieriger und veränderten im

Leben etwas, in guten Fällen fingen sie an sich Selbst Fragen zu stellen. Genau dieses Fragen stellen ist einer der wichtigsten Schlüsselpunkte in der Arbeit mit Focusing auf das ich später detaillierter eingehe.

Ich kann mich noch gut erinnern, es machte Freude mit solchen Klienten zu

arbeiten die sich Selbst Fragen stellten. Nur hatte ich natürlich keine Antworten auf vieles und bediente mich meist der Theorie der fünf Wandlungsphasen, die bis zu einen gewissen Grad auch sehr hilfreich waren. Aber etwas in mir blieb als Therapeutin unzufrieden.  So machte ich eine Gesprächsführungs-Ausbildung nach Carl Rogers, den dabei versprach ich mir ein wenig mehr „Handlungszeug“. War für mich auch eine sehr gute Ergänzung, aber doch nicht ganz das was ich suchte. Obwohl ich ja gar nicht wusste was ich suchte­ :-) 

 

In dem Rahmen lernte ich aber Focusing kennen. Das Wort alleine hat mich schon angezogen -  Sich zu focusieren - fand ich schon mal sehr ansprechend und in

Shiatsu ist es  eines der wichtigsten Grund Techniken  -  klar und absichtslos zu sein sowie focusiert bei dem da zu bleiben was gerade ist.

Ich fing dann 2002 die Ausbildung beim DAF (Deutsches Ausbildungsinstitut für Focusing) an. Die Ausbildung fand auch noch in meiner „alten Heimat“ Österreich statt, worüber ich mich sehr freute und sehr genossen habe. Die gesamte Ausbildung dauerte sieben Jahre und ich tauchte ein in die faszinierende Welt des Focusing – so wie ich es schon Jahre vorher bei Shiatsu getan hatte. Schon bald wurde mir klar das Focusing sehr viel Gemeinsamkeiten mit Shiatsu hat.

 

Annäherung an den Begriff „Resonanz“

 

In Focusing arbeiten wir mit der Resonanz. Was bedeutet das? Das Wort hat in unterschiedlichen Bereichen seine Bedeutung und Einsatzmöglichkeiten. Resonanz kommt vom lateinischen resonare und bedeutet so viel wie  „widerhallen“. 

In der Physik ist damit, dass verstärkte mitschwingen, eines schwingungsfähigen Systems gemeint, durch zueinander stehende Elektronen und Positronen. Auch in der Gehirnforschung wurden die sogenannten Spiegelnervenzellen entdeckt. Spiegelnervenzellen merken sich ganze Handlungsfolgen. Oft genügt nur einen Teil einer einen damit verbundenen Reiz wahrzunehmen. Wer sieht, wie ein anderer zum Himmel blickt kann nur mit Mühe dem Impuls widerstehen dort ebenfalls hinzusehen. Vermutlich bewirken Spiegelneurone auf körperlicher Ebene das, was man in der Psychotherapie „Übertragung“, „Gegenübertragung“ oder „Projektion“ nennt.

In der soziologischen Systemtheorie (Niklas Luhmann) wird Resonanz als eine Übertragungsmöglichkeit für Prozesse zwischen miteinander verbundenen Systemen

aufgrund der Gleichartigkeit beider beschrieben. Oder auch in der Homöpathie wird durch die Gabe des jeweiligen Potenzmittels eine sogenannte „Scheinkrankheit“ erzeugt – es entsteht sozusagen eine Resonanz mit der eigentlichen Krankheit. Dadurch wird die Heilreaktion im Körper angeregt.

Wenn man sich mit Resonanz beschäftigt, fällt auf, dass viele Dinge im Alltag auf den Gesetzmäßigkeiten der Resonanz beruhen. Resonanz ermöglicht, die Zusammenhänge der Welt herzustellen und zu wahren. Das Ohr tritt in Resonanz mit den Schallwellen, das Auge mit den Lichtquellen, die Riechnerven mit den Duftmolekülen.

Resonanz ist die Grundlage der Planetenbewegungen, von Ebbe und Flut, sie koordiniert die Zellen und den Stoffwechsel, sie ermöglicht das Erfassen sinnlicher Eindrücke, die im zentralen Nervensystem mit Hilfe von Resonanzmechanismen verarbeitet werden.

Zwischenmenschliche Resonanzen finden statt in Form von Kommunikation und Begegnung, Gestik und Mimik, gegenseitigem Verständnis, Sympathie und Antipathie - in jeder Form von Kontakt und Weiter – Entwicklung.

Und in Shiatsu entsteht durch eine  tiefe, focusierte und offene energetische Berührung ein Resonanz-Raum und wir hören auf diese Schwingungen. Wir schaffen in Shiatsu so wie im Focusing demzufolge eine Gegenseitigkeit von präsent sein, neugierig sein und sich selbst in den Prozess mit einlassen. Diese besondere Art der Wahrnehmung und Berührung in Shiatsu ist nichts „mystisches“ sondern nur in unseren Kulturen vorwiegend (noch) verschüttet. Diese spezielle innere Haltung ist die Grundlage und  unterscheidet Shiatsu auch von allen anderen Körperarbeiten.

 In Focusing bedeutet Resonanz, eine  innere Schwingung wahrzunehmen zwischen dem Körper (mir)  und der Situation/dem Thema (Inhalt). Wir nennen es „Feltsense“.  Eine gefühlte Bedeutung von dem Thema, die implizit und nur vage vorhanden ist und erst durch direkte achtsame Bezugnahme erfahrbar wird. Dieses „hinschauen und hinhören“ (listening) ist die Vorraussetzung das ein Abstand entsteht in dem ein Dialog stattfinden kann und der Feltsense/Resonanz entsteht.

Die Beschreibungen dieser körperlich gefühlten impliziten Bedeutungen sind immer unvollständig und nicht konzeptualisiert. Sie benötigen eine Symbolisierung  um zu einer expliziten/bewussten Bedeutung zu gelangen. Diese spezielle Erforschung der Resonanz und die  daraus entstehende Veränderung der Wahrnehmung und Bewertung des inneren Erlebens, nennen wir in Focusing  „felt shift“ und hilft zu einem erweiterndem Erleben und Bewusstseinsschritt. Dieser wirkungsvolle Schritt der Weiterentwicklung des inneren Erlebens, unterscheidet  Focusing von allen andern Körper- und Psychotherapien.

Man kann sagen Resonanz ist das gegenseitige Sich – Erfahrens und die Grundlage aller zwischenmenschlichen Kommunikation. Es ist die Vorraussetzung, dass der Mensch sich wohl fühlt. Das Aufeinander-Beziehen durch Resonanz spielt im Alltag des Menschen eine zentrale Rolle.

In Shiatsu wird vor allem auch die Herz-Energie damit in Verbindung gebracht. Das bedeutet für mich, mich ich im tiefsten Kern berührt zu fühlen, mir den Mut, die Neugierde und die Kraft zugeben, einen Weg weiter zu gehen und mich auch auf das Wissen und die Erfahrung im Hier und Jetzt einzulassen -  ohne sich zu verlieren.

Nach der chinesischen Medizin hat Shen seinen Sitz im Herzen. Der Begriff Shen wird meist gleichgesetzt mit Bewusstsein und Geist.

In diesem klaren, bewussten Raum haben wir die Möglichkeit unsere spirituellen und mentalen Fähigkeiten wirken zu lassen und dementsprechend zu handeln. Es vermittelt Mut, sich den Schwingungen von anderen Menschen oder Situationen gegenüber zu öffnen und mitzuschwingen, ohne dabei den eigenen Rhythmus zu verlieren.

Genau das passiert auch im Focusing. Ein wertfreies „mitschwingen“ durch Achtsamkeit, Offenheit, neugierig im Nichtwissen mit den eigenen inneren Erleben/Resonanzen.

Ohne Resonanz würde das Gefühl für Verbundenheit mit sich selbst sowie auch für und in der Gemeinschaft verloren gehen. Es ist Grundlage für alle wichtigen Entscheidungen und gibt uns den Raum für Weiterentwicklung.

Entstehung und Entwicklung von Focusing®

 

Die Frage nach den Möglichkeiten persönlicher Weiterentwicklung  hat Eugene T. Gendlin, - ein gebürtiger Wiener - und der Begründer von Focusing bewogen als er Philosophie studierte,  über inneres Erleben im gesellschaftlichen Kontext zu forschen. Später schloss er sich Carl Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie an, um als Philosoph die Zusammenhänge zwischen Sprache und Erleben zu studieren und ist so selbst auch zum Psychotherapeuten geworden (Gendlin 1998 : 8)

Sich mit Achtsamkeit und Wertschätzung dem inneren, körperlichen Erleben zuzuwenden und dessen Bedeutungsreichtum zu öffnen, wie wir es auch im Shiatsu kennen, entstand aus seinen Untersuchungen zum Erfolg von Psychotherapien: Erfolgreiche Klienten verlangsamten während einer Therapiestunde irgendwann ihr Sprechtempo, drückten sich unklar aus, sie schienen nach Orten zu suchen und fühlten dabei in ihren Körper hinein, um eine schwer zu beschreibende Körperempfindung auszudrücken, die mit dem Problem zusammenhing. Er fand heraus, dass die Wirksamkeit einer Psychotherapie weniger von den Methoden des Therapeuten abhing, sondern ausschlaggebend für seine Entwicklung war die Art und Weise, wie ein Klient sich über sich selbst äußerte. Also die Fähigkeit besitzt, innezuhalten, hinhören und mit Achtsamkeit sich seinem eigenen inneren Erleben zuwenden. Dabei können die Signale/Resonanzen des Körpers wahrgenommen und in Beziehung gesetzt werden zu  tiefliegenden Prozessen und ihren Bedeutungen.

Dieses Erleben besteht nicht nur aus deutlich wahrnehmbaren expliziten Inhalten wie Gedanken, Gefühlen, körperlichen Empfindungen und inneren Bildern, die wir Erlebnismodalitäten nennen, sondern vor allem aus vagen, mehr wortlosen impliziten Stimmungen/Resonanzen.

Der Felt Sense ist keine Emotion, sondern eine körperlich gespürte Bedeutung, die jeden Moment ganz spezifisch neu entsteht. Er liegt „unter“ den Emotionen, die uns vertraut sind, wie Ärger, Freude, Trauer....usw. Dieser Wahrnehmungsraum entsteht nur durch ein Stück Abstand nehmen und es betrachten. So wie ein Künstler vor seinem Bild zurückgeht und es auf sich wirken lässt. Es findet ein Dialog statt, in dem die Resonanz/Bedeutung sich entwickeln kann (Fortsetzungsordnung). 

Gendlin entdeckte also eine Erlebensqualität zwischen Gedanken und Gefühle, die für die unbewussten Strömungen und Antworten in uns selbst genutzt werden kann. Diese Wahrnehmung ist und war immer vorhanden, sie wurde nur verschüttet.  Um dieses „alte“ innere Wissen zu greifen und lehrbar zu machen, entwickelte Gendlin die sogenannten 6 Schritte oder 6 Bewegungen (Gendlin 2002).

 

Das 6-Schritte-Modell

 

1. Platz oder Freiraum schaffen: Sich auf das Thema oder Körperregion einstellen, innehalten, bemerken und einen inneren Abstand dazu wahren

2. Einen Felt sense entstehen lassen: Aufmerksamkeit auf Brust-/Bauchraum richten und dabei "körperliche Resonanz" zum Thema entstehen lassen

3. Namen oder „Griff“ finden: Einen Begriff oder eine kurze Beschreibung für dieses meist diffuse Körpersignal entstehen lassen

4. Überprüfen und Vergleichen: Den gefundenen Begriff mit dem Felt Sense abgleichen

5. Die Qualität befragen: Was braucht der Felt Sense, um sich wieder wohler zu fühlen und Lösungsrichtungen zu entwickeln

6. Annehmen und Schützen: Schützen des Prozesses gegen innere Kritikerstimmen, Ergebnis würdigen

 

Dieses Modell ist zum Erlernen didaktisch und als Pädagogisches Hilfsmittel sehr wertvoll - wie wir aber in der Praxis sehen werden vermischen sich ganz natürlich die einzelnen Schritte im Prozess.

 

 

 

Was hat Focusing grundsätzlich mit Shiatsu gemeinsam

 

Ø  Der erste Schritt in Focusing des Freiraumes schaffen, stellt in  in Shiatsu genauso eine wichtige Grundlage dar. Es fängt schon an den Raum, den Platz und die Stunde zur Verfügung zu stellen. Das nennen wir in Focusing auch äußerer Freiraum.

 

Ø  In der Shiatsu-speziellen Berührung entsteht eine Weite, ein  Raum zwischen den Händen sowie zwischen Therapeutin und dem Klienten. Durch diese innere Technik des Haltens und focusierens in der Tiefe, kann Offenheit und Weite entstehen.  Der Resonanzraum entsteht. In Focusing nennen wir dies innerer Freiraum.  Dabei stellt sich der Klient(in), den wir in der selben Haltung begleiten,  auf ein „Thema“ ein und durch ein gezieltes aber absichtsloses Da-Bleiben entsteht ein „space“ bei den Focusierenden zwischen dem wie (ICH) es erlebe und was (INHALT) erlebt wird. Sozusagen eine neutrale Beziehung zwischen mir und dem was ich erlebe.

 

Ø  Achtsamkeit und Absichtslosigkeit  sind in Shiatsu so wie in Focusing die Grundvorraussetzung um den Prozess in Gange zu halten. Das Verweilen mit dem, was da ist, ohne einzugreifen.

 

Ø  In Shiatsu lassen wir durch eine Nicht-Aktivität das was kommen mag zu und spüren die Resonanz in uns. Dies kann schon bei der behandelnden Person eine große, spürbare energetische Veränderung bewirken. Aus dieser Resonanz heraus arbeiten wir dann in Shiatsu mit den entsprechenden Energiequalitäten und der nötigen Technik weiter.

 

Ø  In Focusing entsteht durch eine Haltung des Entstehen lassens,  einem Nicht-Wissen, abwarten, hinhören und wahrnehmen von dem „Gespürten aber noch nicht gewussten“ diese Resonanz beim Focusierenden, die wir „felt sense“ nennen.  .. Ein implizites Wissen, dass eine Ordnung des fortsetzen in sich trägt. Es ist das Herzstück von Focusing und die Grundlage  mit dem wir weiterarbeiten....

 

 ...über Shiatsu hinaus

 

Der Ansatz in Shiatsu wirkt auf der energetischen Ebene - fast wie von selbst - meist überlassen wir es dem Klienten selbst - in Focusing wird der Klient eingeladen und begleitet - hinzuhören, innere Resonanzen wahrzunehmen sich Fragen zu stellen und selbst zu erkennen.

Aus dem sich selbst heraus erkennen, entsteht ein neues Bewusstsein. Dadurch vielleicht mehr Motivation neue Dinge im Leben zu integrieren und dafür auch etwas zu verändern.

Heute kann ich mit Hilfe von Focusing, in der Shiatsu Arbeit da ansetzten wo damals „etwas“ unzufrieden blieb. Alles was uns der Klient bietet, können wir aufgreifen.

Egal ob es Bilder, körperliche Symptome, kognitiv oder Emotionen sind die der Klient uns erzählt. Voraus gesetzt  - er möchte -  können wir Ihn dabei begleiten, seine Antworten selbst zu finden.

Aber vor allem, welche die Bedeutung dieses Gefühl für ihn genau hat und daraus neue Schritte zu gehen. Also in Shiatsu wird auf den Körper gehört, in Focusing wird außerdem dem Körper noch eine Stimme gegeben.

 

Haltung in Focusing®

 

Beim praktizieren von Focusing schulen wir das gegenwärtige achtsame Wahrnehmen von Körper, Gefühl und das Denken. Die innere Haltung des Therapeuten, das Bewusstsein des eigenen feltsense ist die Voraussetzung um den Anderen in seinem Erleben zu begleiten. Der Begleiter soll seine Konzepte und Methoden und auch seine persönlichen Themen "zur Seite stellen" -  einen eigenen inneren Freiraum schaffen - und dem Focusierenden so erleben (aus seinem eigenen Feltsense), wie er eben gerade ist. Da zu sein bedeutet, präsent zu sein. So wie wir das auch in Shiatsu kennen.

In Focusing ist der Begleiter auch auf den Focusierenden eingestellt und bezogen, unter Bedacht seines eigenen inneren Freiraumes. Es ist die eigentliche Quelle für das Verstehen und Antworten auf sein Gegenüber. Weder soll der Begleiter hinter einer empathischen Fassade verblassen, noch soll er dem Focusierenden durch ständige Angebote die Initiative aus der Hand nehmen. Der Begleiter bezieht sich verbal vor allem auf die "Welt“ (Erleben) des Focusierenden, nicht den Themen und Inhalten des Focusierenden, sondern wie dieser mit ihnen in Beziehung steht ist wichtig.

Denn die Art und Weise dieser Beziehung, die speziellen Fragestellungen und das verbale Begleiten, bestimmt und verändert die Inhalte und bringt den Focusierenden neuen Schritte und Erkenntnisse. Die Zuwendung zum eigenen Erleben geschieht nicht deshalb, damit etwas „Bestimmtes“ dabei herauskommt sondern damit etwas sichtbar wird, geschehen kann und weitergetragen werden kann. Gendlin nennt dies Fortsetzungsordnung  -  etwas, dass jetzt vor sich geht und das immer bezogen ist auf die konkrete Situation des Focusierenden.  Die Haltung der Absichtslosigkeit gibt der Fortsetzungsordnung Raum, damit Veränderungsprozesse wirksam zu werden.

 

Auf einer nonverbalen und energetischen Ebene passiert das in Shiatsu ähnlich. Die sogenannte Kommunikation der Berührung, wie wir Shiatsu auch gerne nennen, also das

Sein als Mit-Sein, dass hinhören (listening)  ist zentral für die Haltung im Shiatsu.

Mit der Resonanz verweilen,  ein absichtsloses und achtsames implizites Erleben ohne Ziele und Absichten zu verfolgen geschieht in Focusing sowie in Shiatsu. 

Absichtslosigkeit ermöglicht Beiden, sich von den Veränderungsschritten des Erlebensprozesses überraschen und leiten zu lassen.

Zwar verfolgen Focusing- Therapeuten auch eine übergeordnete Absicht, allerdings eine paradoxe denn  Sie möchten mithilfe ihrer Konzepte und Methoden dazu beitragen, dass die Schritte der Veränderung aus dem Klienten kommen. Deshalb beharren sie auch nicht auf ihre eigene Ideen (Guiding), sondern sind immer bereit, sich vom Klienten und dessen Erlebensprozess korrigieren zu lassen (Listening).

 

 Focusing sowie auch Shiatsu verstehe ich weit mehr als nur eine Methode. Sie verkörpern eine Haltung, eine Haltung sich selbst gegenüber, gegenüber anderen Menschen und auch gegenüber dem Leben. Diese Haltung ist geprägt von Respekt, von Interesse und von Wohlwollen. Sie nimmt das an, was ist, und lässt es so sein - in dem Wissen, dass alles Lebendige aus sich selbst heraus seinen nächsten richtigen Lebensschritt vollzieht, wenn wir die Bedingungen herstellen und mit Qualitäten von Achtsamkeit und Interesse begegnen.

Wenn wir Focusing immer wieder als Methode ausüben und dadurch den Zuwachs an Energie und Lebendigkeit bei uns und bei anderen spüren, resultiert daraus nach und nach die oben beschriebene Haltung. Und aus dieser Haltung heraus fühlt sich Focusing nicht mehr an wie eine Methode, sondern wie etwas ganz Natürliches...

 

Arbeit mit der Resonanz in der Shiatsu-Praxis

Als erstes sei zu erwähnen -  Focusing ist eine gute Ergänzung in der Shiatsu Praxis um für den Klienten neue Schritte zu ermöglichen aber es ist auch und das wahrscheinlich noch viel mehr, für uns als TherapeutInnen eine wunderbare Möglichkeit  ein professionelles Selbstmanagement zu entwickeln. Zu uns in die Praxis kommen oft Menschen mit funktionellen, chronischen oder auch psychosomatischen Erkrankungen. Shiatsu ist dabei, oft auch der letzte, Versuch unserer Klienten Heilung zu erfahren und Linderung herzustellen.

In Focusing betrachten wir das Resonanz Thema von innen. Man könnte deswegen sagen wir stellen die inneren Bedingungen (Spiegelfunktionen) her, die das aufeinander Beziehen (Ich auf den Feltsense) möglich macht. Durch Einfühlsames, achtsames  Zuhören und einer speziellen, gezielten  Form der Fragestellung (innerer Dialog) werden Resonanzen (innere Landschaften) entfaltet und  Themen ins Bewusstsein gebracht, die durch Achtsames dabeibleiben (begleiten der inneren Landschaft) hier und jetzt bearbeitet und gelöst werden können. Da zu jedem Thema ein „Felt Sense“ (Resonanz) entstehen kann sind der Anwendung keine Grenzen gesetzt.

 

Ich möchte zwei einfache praktische Beispiele vorstellen, wie wir Focusing in der Shiatsu Praxis anwenden können. Ich habe es in 2 Bereiche getrennt, da Focusing nicht  während der Sitzung angewendet werden kann und nenne es:

1. Genauern & Aufdecken, dass vor der Behandlung zum besseren oder klareren Einstieg verhelfen kann und

2. Integrieren & Weitergehen, um nach der Sitzung die Wirkung zu integrieren, bewusst abzurunden oder einen neuen Schritt zumachen.

 

1.  Davor - Genauern & Aufdecken

 

Klientin kommt in die Praxis. Sie war schon öfters bei mir und beschreibt diesmal eine Energielosigkeit, Müdigkeit und Kraftlosigkeit. Sie weiß aber nicht genau warum. Fühlt sich unzufrieden, obwohl "alles in Ordnung ist". Von Shiatsu erhofft sie sich einfach besser und kraftvoller zu fühlen. Da sie meine Arbeit schon kennt, lade ich sie ein kurz innezuhalten und sich bemerken wie sie z.B. jetzt am Stuhl sitzt. Ich begleite sie in einer kurzen Focusing Anleitung. Klientin kann sich gut einlassen und ist mit dieser Form der Arbeit schon vertraut. Ich werde es hier zusammengefasst, teilweise in Stichwörter wiedergeben.

 

Bei der Begleitung entdeckt die Klientin, dass ihr Nacken sehr verspannt ist  und Sie bekommt ein gefühltes Verständnis dafür, wie sie sich sehr „gehalten“ gerade im Moment fühlt. Sie versucht perfektionistisch alles zu schaffen. Das wiederum mag sie gar nicht an ihr.

Weitergehend fällt ihr dazu ihr Vater ein, das sie als Kind immer sehr gelitten hat weil er so überkorrekt war. Sie war erschrocken erstmal über die Erkenntnis und das sie da anscheinend etwas was übernommen hat.

Danach war sie überrascht, dass sie so die Verbindung herstellen konnte und ziemlich erleichtert, sie meinte nur "irgendwas ist jetzt rund" Und ihr ist jetzt ziemlich klar was sie möchte, vor allem hatte sie es ein "gefühltes Verständnis" von ihren Zustand bekommen.

Ich behandelte sie anschließend mit Shiatsu, auf die sie sich sehr bewusst einlassen konnte. Die Hara Diagnose war Dickdarm Jitsu, Dünndarm kyo. Natürlich könnte ich auch über diese energetisch Diagnose einiges herausfinden (Was ja auch schon sichtbar ist und auch übereinstimmen würde) aber es bleibt trotzdem eine Spekulation und das wichtigste ist, dass es dem Klienten von sich aus klar wurde. Ich nenne es gerne ein „gespürtes Wissen“ erfahren zu haben.

Nach der Behandlung war Die Anspannung im Nacken weg und Sie meinte es sind ihr viele Bilder von ihrer Kindheit durch den Kopf gegangen. Jetzt wird ihr einiges klar, das sie diese Haltung oft unbewusst einnimmt und sie nicht weiß warum sie sich so angespannt und erschöpft füllt.

Beim nächsten Termin erzählt sie ganz glücklich über weitere Erkenntnisse auf Grund der letzen Sitzung, wie es weitergewirkt hat und sie bemerkt das sie in vielen Situationen sich anderes verhält und sie dadurch ein viel sicheres Gefühl bekommen hat sich abzugrenzen.

 

Klient kommt also zum Shiatsu und erzählt...(...). Dabei ist es ihm vielleicht nicht ganz klar wie er sich ausdrücken kann - in einer professionellen Begleitung mit Focusing, kann der Klienten ganz schnell Selbst wahrnehmen und Ihm klar werden, was er möchte. Dadurch wird auch Sicherheit, Kompetenz und Vertrauen vermittelt und der Klient fühlt sich in seinen Ressourcen unterstützt. Mit Shiatsu kann dann meist sehr effektiv weitergearbeitet werden, an dem, was vom Klienten gefunden/erkannt wurde. Genauso wird durch die kurze Focusing Anleitung für den Klienten etwas bewusster, was wir davor auch nicht wissen konnten und trägt zu seiner Selbstaktualisierung bei.

 

2. Danach - Annnehmen & Integrieren

 

Ich habe hier bewusst eine positive Rückmeldung ausgesucht was in der Form öfters in Shiatsu vorkommt. Es soll zeigen, dass Lösungen oder nächste Schritte genauso in „banalen“ oder spontanen  Aussagen vorhanden sein können und wertvoll für unsere Weiterentwicklung sein kann , obwohl wir es nicht wussten oder anstrebten.

Es zeigt das Focusing nicht nur an Problemen arbeitet, sondern durch die unmittelbare Bezugnahme an die spezielle Qualität des Feltsenses, einem scheinbar kleinen Detail, eine große darunterliegende Bedeutung für unsere Persönlichkeitsentwicklung zukommt. Bei dem 2. Beispiel habe ich noch die Beschreibung der einzelnen Schritte zum Vergleich und für ein besseres Verständnis mit eingefügt.

 

Klient gibt nach einer Shiatsu Sitzung die Rückmeldung (aus dem Freirraum)

Kl:„super ich fühle mich wie nach 4 Wochen Urlaub“.... (Thema)

Th: Das klingt doch gut, Wollen sie bei dem einen kurzen Moment bleiben .... ?

Wie fühlt sich das an, wenn Sie da genau hinspüren und einen Moment verweilen .. ?

Kl: Warm und sehr leicht, ich fühle mich klarer und spüre eine angenehme Kraft die Dinge zu tun (Feltsense)

Th: Kennen Sie dieses Gefühl. ..

Kl: Ja, ist aber selten....

Th: Gut, vielleicht möchten Sie da noch ein wenig bleiben und vielleicht finden Sie einen Ausdruck/Beschreibung dafür ...(Griff finden /Symbolisieren)

Lassen Sie sich Zeit damit......Klientin spürt nach ....

Kl: Ich spüre das eigentlich im ganzen Körper, es ist so ein kräftiges Schwingen -  aber im Bauch merke ich es am stärksten.....

Th: Ok, sehr schön und wenn es sich für Sie richtig anfühlt, bleiben Sie ein wenig dabei und leisten dem "gefühlten Etwas" interessiert Gesellschaft – was ist das genau?

(Frage stellen)  Einige Minuten später....

Kl: es kommen viele Bilder aus meiner Kindheit. Gute Bilder, die ich schon verloren hatte. Ja da war auch so ein Gefühl von Optimismus, Kraft und Klarheit (feltshift)

Th: Toll, da war etwas versteckt zu dem Sie anscheinend den Zugang verloren haben.....

Kl: Ja, und das nehme ich jetzt mit J  Dieses Gefühl ist mir wieder bewusst und präsent.  Danke (Annehmen/Schützen)

 

Focusing ist eine besondere Art der „Innenschau“ (Introspektion). Eine am Erleben orientierte Methode, um gezielt den ganzheitlichen Erlebensprozess zu fördern und das implizite Wissen des ganzen Organismus in die Therapie einzubeziehen. Durch Focusing kann das gefühlsmäßige Erleben (felt sense) und die Erfahrung mit sich selbst, intensiviert werden. Vom Therapeuten wird in besonderem Maße einfühlsames Verstehen verlangt, um das Focusing und die Selbstaktualisierung der Klienten zu fördern. Der Therapeut schafft günstige Bedingungen indem er den Focusing-Prozess durch empathische Fragen anregt. Der Focusing-Prozeß kann auch direkt eingeleitet werden, indem der Klient ein Thema selbst wählt und seine Aufmerksamkeit darauf richtet (felt sense). Focusing hat sich überall bewährt, wo es darum geht, über das logische Verknüpfen bekannter Sachverhalte hinaus neue, frische Schritte kommen zu lassen.

 

Durch diese direkt Arbeit mit dieser Resonanz, kann Focusing in der Shiatsu Praxis ein zusätzlich wertvolles Instrument darstellen, um verlorene Ressourcen wiederzuentdecken und mit körperlichen sowie emotionalen Themen die nach Heilung verlangen, können ins Bewusstsein drängen, helfen Lösungen zu finden und Wachstum zu fördern.   Das führt zu mehr Autonomie, Gesundheit und innerer Freiheit.

 

Focusing hilft, Selbst-Empathie zu entwickeln und diese „innere Beziehung“ erlaubt den Focusierenden, sein Problem anzuschauen ohne darin zu versinken und somit Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit zu behalten. Aber auch für uns Therapeuten und Therapeutinnen stellt Focusing eine ideale Form der  Psychohygiene und eine Möglichkeit für kollegiale Supervision dar. Ich vergleiche es auch gerne mit einem inneren Kompass. Es vermittelt Sicherheit, Disziplin und Balance. Durch Offenheit dem eigenen Empfinden gegenüber und einer Sorgfalt im Umgang mit unerwünschten Gefühlen und Resonanzen die wir auch von unseren Klienten  wahrnehmen oder übertragen kriegen  - entsteht durch Focusing eine Art „Selbstmanagement“. Es ist wie ein guter Ort, in den wir immer wieder gehen können, ihn benutzen und sich immer wieder erinnern.

 

 ...zum Abschluss

Wichtig ist mir zu erwähnen.  Auch wenn diese beiden Methoden vieles gemeinsames haben und sich wunderbar ergänzen -  es trotzdem zwei eigenständige Gebiete in ihrer Anwendung sind. Gerade für den Klienten verändert sich seine Rolle drastisch vom „Passiven“ „etwas bekommen“ zum „Aktiven“ an „mir selbst arbeiten“.

Wenn jemand zu Shiatsu kommt und keine Vertiefung oder Ergänzung möchte, dann kommt er zu Shiatsu, mit allen seinen wunderbaren Möglichkeiten. Wichtig ist immer den Auftrag der Klienten folgen, nicht ohne Erklärung und Absprache das angebotene Setting ändern.

Ich arbeite schon viele Jahre in diesem Kombinationsangebot. Aber auch nur mit Focusing, gerade im Bereich Trauma sowie bei schwierigen Veränderungsprozessen oder auch in der Traum-Arbeit ist Focusing ein wertvolles Instrument. Die Klienten die zum Shiatsu zu mir in die Praxis kommen kennen meine Arbeit mittlerweile und wissen dass es zwei verschiedene Möglichkeiten gibt. Oft entscheiden sie sich wenn sie kommen und teilen mir am Anfang der Stunde mit dass sie heute nur Focusing oder nur Shiatsu machen wollen. Oder es ist auch vereinzelt abgesprochen das die Sitzung länger dauert.

In den Beispielen habe ich daher einfache, die sich anfangs gut für Shiatsu  ergänzen mit aufgeführt. Sie sind anfangs leicht in einem Vor- oder Nach- gespräch mit einzubauen.

 

Gendlin sieht die Bedeutung von Focusing  nicht nur im Rahmen von Psychotherapie sondern erkennt darin auch eine Möglichkeit diesen Prozess gezielt in sich selbst zu aktivieren. Er stellt Focusing als den Kernprozess menschlicher Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt und wirft die Frage auf, was Therapeut und Klient tun können, um diesen inneren Prozess in der therapeutischen Beziehung zu fördern. Die entscheidende Verbindung dazu bietet der felt sense mit seinem auf Erleben beruhenden Geflecht. Durch eine gezielte Aufmerksamkeit, auf die körperlich gespürte Resonanz,  kann Focusing die Arbeit in Shiatsu unterstützen und auf seinem eigenen Wege wirksam werden.

 

Literatur:

Eugene T. Gendlin, (1998) Focusing-orientierte Psychotherapie, Ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode/ Leben lernen, Pfeifer Verlag München

 

Eugene T. Gendlin, (2002) Focusing -  Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme/ Rowohlt Verlag; Orginalausgabe 1978/ Bantam-Verlag, New York

 

Erschienen im  Shiatsu-Journal Nr. 85/ 2016